claudia    marie   wiedeck

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Im Dunkel der Nacht

kommt eine Taschenlampe rasch auf unsere Terrasse zu, ein Mann winkt uns und ruft etwas auf Fula. Bailo Barry, unser Organisator und Dolmetscher, ist nicht da. Der Mann hatte am Nachmittag seine schwangere Frau mit Wehen etwa in der 30. SSW  gebracht, etwas ist geschehen, wir sollen kommen. Im Poste Santé mit den Räumen für Consultation und Frisch Operierte ist es stockfinster, Strom gibt es nicht. Auf dem Betonboden liegt im Schein der Taschenlampen ein feucht-dunkles Bündel: das Frühgeborene mitsamt Plazenta.

Es ist leblos, kalt, nass. Wir binden mit einem Stück Plastikfolie, das als Verpackungsrest irgendwo rumliegt, die Nabelschnur ab, blasen Luft in den Mund des winzigen Kindes; es riecht krank und nach Infekt, wir  haben keine Handschuhe, keinen Sauerstoff.

 Wir müssen ins Centre, im dem tagsüber operiert wird.

Das Kind wird eingewickelt, ich habe es auf dem Arm und puste Luft in den winzigen Mund, die Plazenta hängt herunter und durchnässt meine Hose, eine drückt den Thorax, die anderen führen uns in der stockfinsteren Nacht wie Blinde über Stufen und Steine aus dem Poste Santé in unser  kleines Klinikum, wo inzwischen der Generator angeworfen ist und es Licht und Sauerstoff gibt.

Dort erkennen wir bei Licht das ganze Ausmaß. Das Kind ist zu klein, vielleicht 1500 g. Es  atmet nicht, hat nur wenige langsame Herzaktionen. Wir verbrauchen etwas von unseren wenigen Katecholaminen, um das Kind weiter zu reanimieren. Langsam fängt es an mit Ärmchen und Beinen zu zucken. Für die

Unser Team: Didi, Anke, Philip, Angelika, Vesna, Claudia, Rainer, Angelika, Michaela, Andreas, Bailo (in Schreibrichtung von hinten nach vorne)

Wärmezufuhr legen wir Urinbeutel mit warmem Wasser aus dem Sterilisator, das vom Tag übrig ist, um das Kind.

Wir haben Erfolg, das Kleine verbessert sich kontinuierlich, nach einer Stunde atmet es mit  etwas Unterstützung selbst, die Herzfrequenz ist im Normbereich, aber es kann nicht ohne Unterstützung leben.

Würde es jetzt auf der einer neonatologischen Intensivstation in Europa liegen, würden CPAP und Sauerstoff reichen.

 

 

Hier gibt es nur Ambubeutel und den Sauerstoff aus dem Sauerstoffverdichter, der mit Strom aus dem Generator betrieben wird. Der Generator hat nur noch für ein paar Stunden Diesel. Wir  beatmen weiter und diskutieren:  weitermachen oder nicht, wenn ja, wie lange? Wie soll das kleine  Mädchen die nächsten Tage ohne Inkubator überleben? Was wird, wenn wir in knapp drei Wochen abfahren?

 

 

 „Kein Kind kann hier vor der 35. SSW überleben“, hat Dr. Celou gesagt. Er ist Chefarzt der Kinderklinik im  Donka-Krankenhaus in Conakry. Dort gibt es eine Frühchen- und  Babyintensivstation, die wir bei  Ankunft auch schon besichtigt  haben.

Was wir dort sahen, war so beklemmend, dass wir nicht einmal Photos machen mochten. Als einzige Versorgungsmöglichkeit Magensonden, Sauerstoff und Wärme. 

 

Conakry: Infusionen gibt es für die Frühchen, auch wenn sie erheblich untergewichtig und in schlechtem Allgemeinzustand sind, nicht. Ein Überleben ist für solche Kinder sehr unwahrscheinlich

Dr. Celou hat in Deutschland studiert und ist nach seiner Facharztausbildung nach Guinea zurückgekehrt. Ein agiler Kollege mit strahlender Freundlichkeit und Herzlichkeit. Jeder von uns fragt sich, wo er unter diesen Umständen seinen Elan und Enthusiasmus hernimmt. Der Generator wird bis etwa 3 Uhr morgens laufen können.

 

Wir haben alle übrigen Lichter außerhalb des Arbeitsraums gelöscht, um Strom zu sparen.

Als Bailo für die Eltern übersetzt, erfahren wir, dass die auch ersten beiden Kinder des Paares tot sind. Während unser kleines Mädchen stirbt, sind seine Eltern dabei. 

Wir legen es dem Vater auf den Arm, lassen die Eltern allein und brauchen selbst ein paar Minuten für uns.

Wir wissen nicht, was Sitte ist, es gibt nur Gesten. Das tote Kind wickeln wir in Tücher und übergeben es den Eltern, die damit in die Nacht und in ihr Dorf gehen. 

 

Chirurgische Morgenvisite; im Körbchen sind natürlich die All-In-One-Karteikarten für Visiteneinträge dabei; außerdem noch Schmerzmittel, Pflaster, Handschuhe, eben was man so braucht

So fing unser Einsatz in Koolo Hinde, Zentralguinea, Westafrika an.

Schon die erste Nacht zeigte uns wieder, welche enge Grenzen gesetzt sind. Weder unsere Ausbildung, unsere Erfahrung und Können noch unsere Ausrüstung, für deutsche Verhältnisse spartanisch, für guineische Verhältnisse besser als die der Uniklinik, reichten aus.

Und wir erfuhren drastisch die Bedeutung der Zeit.

Auch wenn alles bestens funktionierte und wir nahezu europäischen Standard herstellen konnten, reichte unsere Zeit nicht: limitiert durch unsere kurze Zeit von drei Wochen unserer Anwesenheit dort und zusätzlich täglich durch die Generatorlaufzeit. 

Medikamente, speziell Schmerzmittel und Antibiotika, sind genau wie Infusionen knapp. Das meiste befand sich im Container, der verspätet von Antwerpen verschifft wurde. Warum weiß keiner genau, wahrscheinlich wegen des Miltärputsches, der nach dem Tod des ehemaligen Machthabers Lansana Conté Ende 2008 stattgefunden hatte.

Zur Verfügung steht uns nur, was wir im Koffer an Infusionen und Medikamenten mitgebracht haben.

Von Nachrichten und Außenwelt sind wir abgeschnitten. Das nächste  Handynetz in etwa 40 km ist für uns unerreichbar, da auf der 400 km langen Fahrt Conakry – Koolo Hinde auf halber Strecke unser Jeep abgebrannt ist.

Unsere Köchinnen versorgen uns gut! Das Mittagessen: Hirse oder Reis, manchmal auch Nudeln  mit meist scharfer Sauce wird in Thermostöpfen von ihnen selbst ins OP-Centre gebracht

 Wir, das sind zehn Leute, die über Mango e.V. für drei Wochen nach Guinea gefahren sind, um die diesjährige medizinische Hilfs- aktion zu leisten. 

 Unser Tagesablauf ist klar strukturiert, die Sonne geht gegen 7:00 auf und damit werden wir wach; ein paar gehen Joggen, z. B. Andreas trainiert für den Marathon.

Inzwischen bringt Meimouna, unsere schöne, füllige Köchin, Kaffee und Baguette; der Kaffee schmeckt voll und rauchig, die Bohnen sind selbst geröstet, das Wasser auf Holzfeuer heiss gemacht.

 

Die Baguettes sind knusprig und lecker, es gibt sie überall im Land als Überbleibsel der französischen Kolonialzeit. Didi holt sie morgens mit dem Moped aus dem Nachbardorf, ein unvergesslicher Anblick: Didi mit dicker Winterjacke und OP-Mütze als symbolischem Sturzhelm staubbedeckt zurückkehrend, auf dem Gepäckträger ein Pappkarton mit Baguettes. 

Administration Light®: unser all-in-one System "Krankengeschichte+Ambulanzblatt+Befunde+OP-Meldung+Bettreservierung+OP-Bericht+Entlassungsbrief+Zahlungsquittung" im Einsatz

Um 9:00 ist Arbeitsbeginn, wir Operateure machen Visite im Poste, die Anästhesie beginnt mit den Narkosen oder den SPA.

Gegen 10:00 ist meist Schnitt in beiden Sälen. Ein paar Vormittage mit Consultations haben mehr als ausgereicht, um die gesamte OP-Planung mit Patienten zu füllen und viele, die z. T. tagelange Wanderungen hinter sich haben, um endlich operiert zu werden, müssen auf den nächsten Einsatz vertröstet werden.

Consultation: hier werden die Karteikarten angelegt - natürlich nicht ohne einen Stempel! Einfache Schmerzmittel wie ASS und einige Antibiotica gibt es im 1000-Stück-Eimer zu kaufen; hier geht es mehr um die Droge als Droge, denn nicht immer haben die Tabletten aus den großen Dosen eine Wirkung

Mittagspause ist irgendwann, unsere Köchinnen bringen das Essen in großen Thermosbehältern, so dass jeder sich bedienen kann, wenn Zeit ist. 

 

Gegen 17:00 ist OP-Ende. Manch- mal sind wir schon früher fertig und rekrutieren noch ein oder zwei klei- nere Eingriffe aus den Wartenden, die unser Centre belagern.

Laborun- tersuchungen, Röntgen, EKG, Ein- verständniserkläung, nichts von alledem ist möglich; die klinische Untersuchung muß ausreichen, die Patienten erhalten eine kleine Karteikarte mit Namen, Nummer, OP-Datum und Diagnose, wir die große Karteikarte mit den medizinischen Informationen. 

Als OP-Programm hängen diese Karteikarten dann an einer Magnettafel. 

Abends ist Wundsprechstunde, wobei wir vor allem Kinder mit z.T. erschreckenden Wunden versorgen, dann Abendvisite und in der Dämmerung gehen wir dann heim.

Wir haben an zwölf OP-Tagen über 100 Patienten operiert, großteils mit Befunden, die hier als Sensation gelten würden.

Unser Schwerpunkt liegt gynäkologisch auf der Sanierung von Fisteln, die sich nach prolongierten Geburten, die sich manchmal über Tage hinziehen durch Drucknekrosen auf unterschiedlichen Wegen zwischen Genitaltrakt und Blase bzw. Urethra gebildet haben.

Täglich wechselndes OP-Programm: leicht umzustellen und zu überblicken; links Saal 1 - Rainers Saal -, rechts Saal 2 - meiner-

 

Die Folgen sind Inkontinenz und sozialer Ausschluß. Chirurgisch sind riesige Hernien und Strumen das Häufigste. 

 

Bei Kopf-Tief-OPs müssen Patientinnen gegen Verrutschen gesichert werden: mit Kopfstützen. Wir mussten das wörtlich nehmen, reihum lösten wir uns bei der Kopf-auf-Kopf-Stütze ab. Menschen, die Lasten auf dem Kopf tragen sind da eindeutig im Vorteil, Europäer machen schnell schlapp

 Aber auch Tumore, Knocheninfekte, alte Verbrennungen sind häufig. Sogar ein Polytrauma durch Baumfällarbeiten wird versorgt. 

 

Polytraumaversorgung eines Baumfällers, der in einigen Stunden Entfernung gearbeitet hatte und dabei unter einen stürzenden Baum geraten war. Er hatte sich beide Arme gebrochen, Platzwunden zugezogen und war von dem stundenlangen Weg völlig ausgetrocknet und erschöpft

 Die Bedingungen sind einfach und erfordern Improvisation: läuft in „Saal 1“ das einzige Beatmungsgerät und der Steri ist in Betrieb, reicht der 

Strom nicht für die OP-Leuchte in „Saal 2“.

OP-Kleidung und Abdecktücher werden per Hand kalt gewaschen und auf dem Boden vor dem Centre getrocknet. 

 

No Light - No Sight! Stirnlampe statt Lupenbrille. Darunter übrigens noch ein dickes Schweißband aus Moltonstreifen (with sweat no sight also)

 

 

Als wir nach Abschiedsfest mit Festreden in der Schule und Busch-Tam-Tam – einem nächtlichen Trommeltanzfest – abfahren, sind wir uns einig, gemeinsam ein schöne und sinnvolle Zeit verbracht zu haben. 

Krankenhauswäscherei and desinfection by the african sun; nach dem Abstauben der roten Erde gingen die Tücher aber schon noch in den Steri

Obwohl wir den Urlaub mit Arbeit verbracht haben, sind wir wieder frisch und mit unseren Berufen einig und zufrieden. Und wir sind überrascht, wie viel wir in der kurzen Zeit

Aufgeräumt, eingepackt, abgedeckt. Das OP-Zentrum steht bis zum nächsten Einsatz leer; Didi kümmert sich in der Zwischenzeit um Gebäude, Einrichtung und Grundstück

operierten und bewirkten, weil wir frei von Verwaltungsarbeit und Bürokratie uns auf den Kern unserer Berufe konzentrieren konnten.

 

Abschluß-Tam-Tam!


 

 

Wer sich für Mango e.V. interessiert, findet alle Links unter der Seite "esperanza".